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Österreichische Physikalische Gesellschaft (Austrian Physical Society)
Warum ist es nicht egal?

Je nachdem ob man von 2 Euro/Österreicher/Jahr oder von 16 Millionen Euro/Jahr (in diversen Presseaussendungen auf 20 Millionen/Jahr aufgerundet) spricht, mag einem der CERN Mitgliedsbeitrag als "wenig" oder "viel" erscheinen. Es geht aber nicht bloß um den Betrag, der heuer 0,47% des (um 15% erhöhten) Budgets des Wissenschaftsministeriums ausmacht, sondern welchen Nutzen man mit diesem Betrag erzielt. Auf dieser Seite erklären wir den Nutzen für Österreich und auch, warum es äußerst bedenklich ist, die Finanzierung des Europäischen Forschungszentrum CERN plötzlich dem übrigen Europa zu überantworten.

Kosten/Nutzenrechnung

  • Kosten: Jeder Österreicher trägt pro Jahr mit zirka 2 Euro zur CERN Mitgliedschaft bei
  • Gesellschaftlicher Nutzen: Wieviel zahlen Sie an Telephon-, Internet-, Radio- und Fernsehgebühren pro Jahr? Mehr als 2 Euro? Vermutlich ja. Wieviel zahlen sie für das WWW? Richtig - nichts, plus 2 Euro CERN Mitgliedschaft! Das WWW ist einer der bekanntesten spin-offs die am CERN entwickelt wurden und der Menschheit zur Verfügung gestellt werden. Natürlich lässt sich nie vorhersagen, welche spin-offs zukünftige Experimente wie der LHC bringen wird. Doch zumindest erahnen kann man schon, dass die Beteiligung am GRID (dem "Nachfolger des WWW") und die Nutzung von Krebsdiagnose und -therapie am MedAustron für Österreich von Bedeutung sein wird. Details zu technologischen spin-offs befinden sich in diesem CERN Bericht.
  • Wirtschaftlicher Nutzen: Alleine zwischen 1994-2007 gab es Aufträge an österreichische Industrie über 73 Millionen Euro. Natürlich kann man Geld sparen und Investitionen vermeiden für einen kurzfristigen Gewinn. Doch langfristig führt das unweigerlich zu Verlusten von Aufträgen und Geld - die aktuelle Krise der Autoindustrie verdeutlicht das sehr konkret. Ein detaillierter Bericht über den wirtschaftlichen Nutzen für Österreich findet sich in Abschnitt 7 dieses Textes.
  • Kultureller Nutzen: Hiermit ist nicht so sehr die Tatsache gemeint, dass das LHC ein Weltwunder unserer Zeit ist, sondern die Tatsache, dass die Forschung am CERN unser Wissen bereichert. Natürlich gibt es viele Menschen, denen Texte von Goethe, Musik von Mozart oder wissenschaftliche Arbeiten von Schrödinger egal sind, weil sie andere Sorgen haben - Essen, Wohnung etc. Glücklicherweise leben wir in einem sehr reichen Land, in dem Kultur nicht ein exotisches Luxusgut ist sondern unseren Alltag begleitet, in Form von Büchern, Theater, Konzerten und Erkenntnis. CERN beschäftigt sich mit einigen der grundlegendsten Erkenntnisfragen und stellt sich ihnen durch gezielte Experimente: Woraus besteht Materie? Warum existiert Materie? Wieviel gibt es davon im Universum? Was hält die Welt im Innersten zusammen?
  • Wissenschaftlicher Nutzen: Es ist kaum möglich den wissenschaftlichen Nutzen für Österreich zu übertreiben. Das meiste dazu finden Sie auf der Seite Österreich am CERN und in diesem Dokument. Speziell sei auf die österreichische Initiative des Doktorandenprogrammes am CERN durch das BMWF hingewiesen, die sich als so erfolgreich herausgestellt hat, dass sie nun von vielen Ländern kopiert wird. Österreich ist also trotz seiner geringen Grösse sehr sichtbar am CERN und in der internationalen Forschung.
Zusammenfassend ist es wohl nicht übertrieben zu behaupten, dass die 2 Euro/Österreicher/Jahr am CERN gut angelegt sind.

Geht es nicht auch ohne einen österreichischen Mitgliedsbeitrag? Es ist wahr, es gibt auch andere Länder, die an CERN-Experimenten mitwirken, ohne Mitgliedsstatus zu haben, und die somit nicht zur Grundfinanzierung dieses größten Forschungszentrums Europas beitragen. Es ist aber bislang erst ein Land dauerhaft als Mitglied ausgetreten, und das war 1961 Jugoslawien, und dieses Land gibt es inzwischen in dieser Form nicht mehr. (Spanien hatte seine Mitgliedschaft für einige Zeit gekündigt, trat aber wieder voll bei, als nach dem Tod Francos die Demokratie wiederhergestellt werden konnte.) Wenn nun in diesen wirtschaftlich sicher außergewöhnlich schwierigen Zeiten ein Land wie Österreich austritt, wird diese Entsolidarisierung mit Sicherheit negative Vorbildwirkung entfalten. Das würde den CERN in größte Schwierigkeiten bringen - schon der Verlust von 2% des Budgets wird nicht leicht zu verkraften sein, denn der CERN musste schon während der gesamten Bauzeit des LHC mit einem enger werdenden Budget kämpfen. Denn das Riesenprojekt LHC wurde nicht mit zusätzlichen Mitteln aufgezogen, sondern allein durch Einsparungen und Umschichtungen. Darum hat es auch am Ende etliche Jahre an Verzögerungen in der Fertigstellung gegeben und es grenzt an ein Wunder, dass dieses Weltwunder so weit gediehen ist und in wenigen Monaten in Betrieb wird gehen können.

Aus der Soziologie und Spieltheorie ist es weiters eine vertraute Tatsache, dass sich Egoismus nicht immer auszahlt. Der CERN wird Österreich nicht mehr Nachteile bereiten, als sich durch den Verlust des Mitgliedsstatus von selbst ergibt (Verlust an Ausbildungsmöglichkeiten, Wissens- und Technologietransfer). Aber andere internationale Projekte, an denen sich Österreich mit den freigewordenen Mitteln in Zukunft beteiligen könnte, werden dieses Land wohl als den unsicheren Kantonisten sehen, als der er sich am CERN erwies. Schon jetzt wird Österreich gelegentlich wenig freundlich mit Ouagadougou in einem Atemzug genannt. Ein Land, das ein dermaßen spektakuläres Zeichen gegen die Grundlagenforschung setzt, verspielt viel an (nichtfinanziellem aber dennoch wertvollen) Kapital. Manche Kommentatoren sehen im "massiven forschungspolitische Vertrauens- und Imageverlust, den sich Österreich mit diesem schlecht geplanten Schritt einhandeln würde" (K. Taschwer, im Standard) sogar das Hauptproblem. Aber auch der Schaden, der am CERN angerichtet werden kann, könnte letztlich enorm werden, wenn, wie W. Thirring mahnte, sich die Europäische Grundlagenforschung entsolidarisiert und so dieses "Leuchtsignal der Wissenschaft" langfristig zum Erlöschen gebracht wird. Von den Entdeckungen und Entwicklungen, die dann nicht gemacht werden, wird man wenigstens nicht wissen...

Ist es nicht unverhältnismäßig, dass für die CERN-Mitgliedschaft 70% des Budgetpostens für wissenschaftliche internationale Organisationen blockiert werden? Wie kam das zustande?
Im Jahr 2005 sind alle Mitgliedschaften in internationaler Organisationen noch vom Außenministerium bezahlt worden (CERN machte damals 28% vom Budgetposten aus). Ab 2007 wurden diese Mitgliedschaften nach Ressort aufgeteilt und weil im Wissenschaftsressort so wenig an anderen internationalen Forschungsbeteiligungen existierte, wurde in diesem Budgetposten die CERN-Mitgliedschaft der Hauptposten. Das Gesamtbudget für internationale wissenschaftliche Organisationen wurde einfach definiert als das, was gerade vorlag, und ergab über 80% für den CERN. Durch ein paar zusätzliche Beteiligung ging diese Zahl mittlerweilen auf 70% zurück. Es ist also nicht so, dass der CERN-Beitrag etwas von außen vorgegebenes blockiere. Das Wissenschaftsministerium ist bloß nicht bereit, weitere internationale Projekte hinzuzufügen, sondern will das nur auf Kosten der wertvollen CERN-Mitgliedschaft machen. Und das bei einer 15%igen Budgeterhöhung, die das Ministerium unlängst als großen Erfolg zugunsten von Kontinuität in Wissenschaft und Forschung angepriesen hat. (Quellen: Vergleich von Bundesfinanzgesetz.pdf 2005, Seite 82 mit Budget2007-Teilheft-ak14.pdf, Seite 22)

FAQ:

CERN-Mitgliedsbeitrag: 20 oder 16 Millionen?
Der jährliche CERN-Mitgliedsbeitrag für Österreich beträgt derzeit rund 24.7 Millionen Schweizer Franken. Nach dem aktuellen Wechselkurs sind das rund 16 Millionen Euro. Es ist eher unüblich, diesen Betrag weiter auf 20 Millionen Euro aufzurunden.

Wieviel ist das in Relation?
Der CERN-Mitgliedsbeitrag ist weniger als ein halbes Prozent des österreichischen Wissenschaftsbudgets, das heuer erfreulicherweise um 15% angehoben wurde.

Cui bono?
Es ist klar, dass niemand direkt von einem CERN-Austritt profitieren würde. Es ist aber plausibel, dass einzelne Gruppen in Österreich von den 16 Millionen Euro profitieren könnten. Allerdings erst ab 2011, und wieviel dann davon noch übrig sein sollte, ist sicherlich ungewiss. Zumal auch der Ausstieg Kosten verursachen wird.

Aber 70% - ist das nicht viel?
Hängt davon ab wovon die 70% genommen werden...
Faktum 1: Der CERN Mitgliedsbeitrag ist weniger als ein halbes Prozent des österreichischen Wissenschaftsbudgets.
Faktum 2: 2007 wurde im Wissenschaftsministerium ein eigener Budgetposten erschaffen für internationale Forschungsbeteiligungen.
Faktum 3: Da Österreich leider nur sehr wenige solche Beteiligungen hat, machte das CERN Budget damals fast das gesamte Budget dieses Postens aus, nämlich ca. 80%.
Faktum 4: Durch zusätzliche Beteiligungen ging diese Zahl mittlerweile auf 70% zurück.
Fazit: Es ist absurd zu behaupten die CERN Mitgliedschaft blockiere andere internationale Mitgliedschaften durch von außen vorgegebene Randbedingungen.

Woher kommen all die Unterschriften auf der Petition?
Wir haben die e-mail Adressen der Unterschreiber nach Herkunftsland analysiert. Es finden sich ca. 69% österreichische, ca. 4% unbekannte und ca. 27% ausländische e-mail Adressen (inklusive e-mail Adressen von Auslandsösterreichern wie cern.ch). Trotz internationaler Beteiligung an der Petition stammen die Unterschriften überwiegend von ÖsterreicherInnen.

Weitere FAQ und Antworten finden sich auf der HEPHY-Seite

 
Mai 2009
 
Kontakt: petition@teilchen.at Last Update: May 13, 13:13